{"id":1733,"date":"2024-08-25T15:11:01","date_gmt":"2024-08-25T13:11:01","guid":{"rendered":"https:\/\/zero-wendland.de\/?page_id=1733"},"modified":"2024-08-25T15:11:42","modified_gmt":"2024-08-25T13:11:42","slug":"genug-ist-genug","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/zero-wendland.de\/?page_id=1733","title":{"rendered":"Genug ist genug!"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Hermann Klepper, Mitglied der .Wachstumswende Wendland. sieht endlich Licht am Ende des Klimatunnels, seit der Sachverst\u00e4ndigenrat Grenzen und Gen\u00fcgsamkeit statt gr\u00fcnem Wachstum einfordert: Suffizienz ist f\u00fcr eine Stabilisierung der Erde unerl\u00e4\u00dflich.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Meilenstein in der Klimadiskussion, f\u00fcr mich sogar eine Revolution: Der Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Umweltfragen der Bundesregierung hat im M\u00e4rz 2024 das \u0084Diskussionspapier Suffizienz als \u0084Strategie des Genug\u0093 herausgegeben und schreibt zu Suffizienz (von lateinisch sufficere, gen\u00fcgen, ausreichen): &#8222;\u0084Suffizienzans\u00e4tze streben eine absolute Verminderung der sch\u00e4dlichen Umweltauswirkungen des Rohstoff- und Energieeinsatzes durch gezielte Reduktion bestimmter G\u00fcter und Dienstleistungen an&#8220;\u0093.<br>Und dieser Sachverst\u00e4ndigenrat ist nicht irgendein Gremium, es ist das Gremium von Wissenschaftler\/Innen, das unter anderem die j\u00e4hrlich zu erreichenden Klimaziele in den einzelnen Sektoren wie Wohnen, Industrie, Landwirtschaft oder Mobilit\u00e4t vorgegeben hat, damit das gesetzlich festgeschriebene Pariser 1,5-Grad-Klimaziel h\u00e4tte erreicht werden k\u00f6nnen. Vorgaben, die jedoch in diesem Sommer von der Bundesregierung aufgehoben wurden.<br>In dem Diskussionspapier befinden sich Aussagen, die die zentrale Bedeutung von Suffizienz f\u00fcr Klima- und Ressourcenschutz deutlich machen. Unter anderem werden folgende Aussagen getroffen: \u0084Suffizienz ist f\u00fcr eine Stabilisierung der Erde unerl\u00e4sslich\u0093 oder \u0084Suffizienz ist Voraussetzung f\u00fcr menschenw\u00fcrdiges Leben aller in planetarischen Grenzen\u0093 oder \u0084Ressourcenintensive Lebensstile gef\u00e4hrden die Freiheit anderer, und es gibt keinen moralischen Anspruch, dies zu ignorieren\u0093 oder  &#8222;Suffizienz kann Baustein eines gelingenden Lebens sein&#8220;\u0093. Und zusammenfassend schreibt der Expertenrat: &#8222;Suffizienz ist zentral f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis demokratisch-\u00f6kologischer Zivilisation&#8220;\u0093.<br>Die Bedeutung von Suffizienz, die Bedeutung von Gen\u00fcgsamkeit wurde in der gesamten Klimadiskussion nur wenig beachtet, obwohl jeder sehen konnte, da\u00df immer dann die CO2-Emissionen deutlich zur\u00fcckgingen (etwa in der Finanzkrise 2009 oder in der Coronakrise) und auch die Klimaziele 2022 und 2023 ma\u00dfgeblich deswegen erreicht wurden, weil weniger konsumiert und produziert wurde (siehe auch EJZ vom 1. 2024).<br>Auch in der politischen Diskussion im Wendland wurde die Forderung nach mehr Suffizienz eher bel\u00e4chelt, abgetan und m\u00f6glichst gar nicht erst diskutiert. Deshalb ist es gut und ermutigend, da\u00df der Landkreis jetzt im Rahmen des Zukunftsentwicklungskonzepts am 1. Oktober eine Veranstaltung zu Suffizienz mit dem Vordenker der Postwachstums\u00f6konomie, Prof. Niko Paech, plant.<br>Wer die Bedeutung von Suffizienz nicht klar benennt, tr\u00e4gt mit dazu bei, da\u00df wir das Pariser 1,5-Grad-Ziel nicht erreichen werden und weiterhin schicksalhaft \u0096 den Weg gehen, den wir seit etwa vier Jahrzehnten gehen, und uns mit dem Traum vom \u0084gr\u00fcnen Wachstum\u0093, \u0084Energieeffizienz,  Technologieoffenheit\u0093, \u0084Klimaneutralit\u00e4t im Jahre 2040\u0093, \u0084Ausbau erneuerbarer Energien\u0093 beruhigen und dabei f\u00fcr den Bau von Solarparks selbst vor Naturschutzgebieten nicht Halt machen und keine Skrupel haben, sie auf Ackerland zu errichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch, und das ist so etwas von verr\u00fcckt, verfehlen wir mit all diesen Ma\u00dfnahmen das Pariser 1,5-Grad-Klimaziel: Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg sah es in einem Gerichtsurteil am 16. Mai als erwiesen an, da\u00df die Ma\u00dfnahmen der Bundesregierung weiterhin nicht ausreichen,  das Klimaziel zu erreichen. Und der anfangs genannte Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Umweltfragen prognostizierte am 4. Juni, dass die Bundesregierung ihre Klimaschutzziele f\u00fcr 2030 verfehlen d\u00fcrfte\u0093 (Kommentar EJZ).<br>Die deutlichen Aussagen des Sachverst\u00e4ndigenrates zu Suffizienz zeigen den Weg, der zusammen mit den schon bislang getroffenen Klimaschutzma\u00dfnahmen gegangen werden mu\u00df. Doch, und das ist so entscheidend: Ist es \u00fcberhaupt realistisch, da\u00df wir in unserer Gesellschaft grundlegende Ver\u00e4nderungen im Sinne von Gen\u00fcgsamkeit umsetzen k\u00f6nnen? Der Sachverst\u00e4ndigenrat schreibt: \u0084&#8220;Suffizienzpolitik wird auf gesellschaftliche Widerst\u00e4nde treffen&#8220;\u0093.<br>Und diese Widerst\u00e4nde werden heftig sein, nicht nur die der Lobbyisten aus Wirtschaft und Politik, auch aus der Bev\u00f6lkerung. Die Frage ist: Sind wir grunds\u00e4tzlich bereit, Vorgaben aus der Politik, die unser Konsumverhalten einschr\u00e4nken wollen, zu akzeptieren? Wir erleben gerade, wie Unzufriedenheit in der Bev\u00f6lkerung zu aberwitzigen politischen Verwerfungen f\u00fchren kann. Eine Ver\u00e4nderung in unserer Gesellschaft hin zu einer \u0084&#8220;Kultur des Genug&#8220;\u0093, zu einer Kultur des Weniger\u0093 wird nur dann gelingen, wenn Menschen das Gef\u00fchl haben, nicht benachteiligt zu werden, wenn alle sozialen Schichten ihrem Einkommen entsprechend f\u00fcr das Gemeinwohl konsequent zur Verantwortung gezogen werden. \u0084Suffizienzpolitik mu\u00df gerecht gestaltet werden\u0093, so der Sachverst\u00e4ndigenrat.<br>Und der Weg zu einer &#8222;\u0084Kultur des Genug&#8220;\u0093 wird auch deswegen so schwer werden, weil gro\u00dfe Widerst\u00e4nde in der Psyche des Menschen liegen. In der Evolution des Homo Sapiens hat sich zentral der Selbsterhaltungstrieb entwickelt, Dinge haben zu wollen, die zum \u00dcberleben notwendig gewesen sind. Seit Urzeiten liegt diese Kraft im Wesen des Menschen. Dieser Selbsterhaltungstrieb, so scheint es, hat sich mit den Verlockungen einer \u00fcberladenen Konsumwelt verselbst\u00e4ndigt, ist nicht mehr zu kontrollieren, hat sich gel\u00f6st von Vernunft und der Verantwortung, die eigenen Lebensgrundlagen zu erhalten. Der Psychoanalytiker Erich Fromm spricht schon 1979 in seinem Buch \u0084Haben oder Sein\u0093 von der Droge Konsum, spricht vom \u0084pathologisch \u00fcbersteigerten Konsum\u0093, vom \u0084&#8220;Homo consumens&#8220;\u0093.<br>Und sind Menschen, die viel Geld zum Konsumieren zur Verf\u00fcgung haben, von sich aus \u00fcberhaupt bereit, inmitten einer irren, verlokkenden Konsumwelt mit einer geschickten, Menschen manipulierenden, sich aufdr\u00e4ngenden Werbung ihren Lebensstil und ihre Gewohnheiten hin zu weniger Konsum zu ver\u00e4ndern? Weg vom SUV, hin zum E-Bike? Weg von Flugreisen und Kreuzfahrten? Sind Menschen selbst dann noch bereit, gen\u00fcgsamer zu leben, wenn der Mainstream, wenn Nachbarn, Arbeitskollegen oder Freunde mit vergleichbarem Lebensstandard weiterhin ihr Leben ohne R\u00fccksicht auf Verbrauch von Energie und Ressourcen leben?<br>Welche Macht hat das Streben nach Anerkennung und gesehen zu werden \u00fcber Statussymbole wie Haus, Einrichtung, Auto, Flugreisen oder Kreuzfahrten? Es gilt: \u0084Ich bin, was ich habe, vorzeigen kann, konsumiere\u0093.<br>Und was macht mit uns das Gef\u00fchl der Ohnmacht, am Ende doch nichts ausrichten zu k\u00f6nnen in einem globalen Wirtschaftsgeschehen mit Milliarden von Menschen, die nicht in der Lage sind, auf die existentiellen Bedrohungen, die kommen werden, entsprechend zu reagieren? Der Club of Rome hat schon 1972, also vor mehr als 50 Jahren, mit dem Bericht &#8222;Grenzen des Wachstums&#8220;\u0093 deutlich davor gewarnt, da\u00df wir die Erde \u00fcbernutzen, wenn wir mit unserer Lebensweise so weitermachen. In diesen 50 Jahren haben wir jedoch genau das Gegenteil getan, haben das Wachstum, das Goldene Kalb unseres Wirtschaftssystems, st\u00e4ndig weiter gesteigert \u0096mit entsprechenden Folgen. St\u00fcnde die Klimakatastrophe als H\u00f6hlenb\u00e4r im Eingang der H\u00f6hle, s\u00e4he Klimaschutz anders aus.<br>Auch ist es nur zu verst\u00e4ndlich, wenn Menschen mit geringem Einkommen, Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, gerade im Blick auf ihre wohlhabend konsumierenden Nachbarn, wenig geneigt sind, ihren Konsum zur\u00fcckzufahren \u0096 und Menschen, die psychisch belastet sind, haben wahrlich andere Sorgen als \u00fcber ihren Lebensstil das Klima zu sch\u00fctzen.<br>Um Menschen auf grundlegende Ver\u00e4nderungen im Denken, Leben und Wirtschaften vorzubereiten, ist es unerl\u00e4\u00dflich, da\u00df die Politik die Bev\u00f6lkerung dar\u00fcber informiert, wie dramatisch die Situation ist, in der wir leben. Politik mu\u00df den Mut haben, der Bev\u00f6lkerung zu sagen, da\u00df die wenigen Jahre bis 2030 entscheiden werden. Sie mu\u00df der Bev\u00f6lkerung einschneidende, aber eben notwendige Ma\u00dfnahmen erkl\u00e4ren, sie mu\u00df den Menschen ganz klar sagen, da\u00df wir und unsere Kinder nur dann eine lebenswerte Zukunft haben werden, wenn wir unser Konsumverhalten drastisch ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt wahrlich genug deutliche Warnzeichen daf\u00fcr, da\u00df wir so nicht weitermachen k\u00f6nnen: \u0084&#8220;Die Nordsee war 2023 so warm wie nie zuvor\u0093&#8220; (EJZ, Juni 2024). In Niedersachsen und Bremen waren die Monate M\u00e4rz bis Mai die w\u00e4rmsten je gemessenen (EJZ, 1. Juni 2024). Und der 21. Juli 2024 war weltweit \u0084der hei\u00dfeste Tag seit Jahrzehnten. Das Jahr 2023 war laut EU-Klimabericht eines der hei\u00dfesten aller Zeiten (EJZ, 23. April 2024). Ganz aktuell weist das Potsdam-Institut f\u00fcr Klimafolgenforschung darauf hin, da\u00df die Jahre bis 2030 entscheidend daf\u00fcr sein werden, ob es zu einer Klimakatastrophe kommt, die nicht mehr zu beeinflussen ist (Stichwort Kipp-Punkte\u0093), \u0084mit verheerenden Folgen f\u00fcr die Menschen auf der ganzen Welt\u0093, oder ob sich die Folgen des Klimawandels noch eind\u00e4mmen lassen (EJZ, 2. August 2024). Auch das mu\u00df der Bev\u00f6lkerung klar gesagt werden.<br>In dem Diskussionspapier geht es auch um die Definition von  gesellschaftlicher Wohlfahrt, was dem Begriff \u0084Wohlstand\u0093 entspricht. Der Sachverst\u00e4ndigenrat schreibt in diesem Zusammenhang: \u0084Ein zuk\u00fcnftiges Verst\u00e4ndnis von gesellschaftlicher Wohlfahrt darf diese nicht auf stetig wachsenden Konsum reduzieren. N\u00f6tig ist eine breite \u00f6ffentliche Debatte dar\u00fcber, was Wohlfahrt im Kern ausmacht.\u0093<br>Eine Diskussion dar\u00fcber, wie unsere Gesellschaft Wohlstand\u0093 definiert, ist lange \u00fcberf\u00e4llig. Sie kann sinnvoll einhergehen mit einer Diskussion um eine grundlegende Ver\u00e4nderung unserer Gesellschaft hin zu einer \u0084Kultur des Genug, denn unsere Gesellschaft braucht Leitwerte, die der Droge Konsum, die mit hohem Energie- und Rohstoffverbrauch verbunden ist, etwas entgegensetzen.<br>Ist es eher materieller Wohlstand, den wir weiterhin mehren wollen, auch auf Kosten des Klimas, der Natur und Lebensbedingungen anderer Menschen in unserer Gesellschaft und weltweit? Oder sind es eher soziale, \u00f6kologische, gesundheitliche Aspekte, die Wohlstand ausmachen, die uns Lebensqualit\u00e4t geben und zu einem guten Leben f\u00fcr alle f\u00fchren? Welchen Wohlstand wollen wir?<br>Auch wenn diese Widerst\u00e4nde un\u00fcberwindbar erscheinen, um in unserer Gesellschaft ganz grundlegend etwas zu ver\u00e4ndern \u0096 hin zu suffizienten Lebensweisen, das Diskussionspapier des Sachverst\u00e4ndigenrats gibt Hoffnung. Es w\u00e4re ein Segen, wenn die Aussagen des Sachverst \u00e4ndigenrats in der Bev\u00f6lkerung, in Wirtschaft, Politik, auch bei uns im Landkreis, intensiv diskutiert w\u00fcrden \u0096 und auch gehandelt wird. Rechtzeitig!<br>Die Ver\u00f6ffentlichung des Diskussionspapiers des Sachverst\u00e4ndigenrats zu Suffizienz ist zu finden unter https:\/\/umweltrat.de)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hermann Klepper, Mitglied der .Wachstumswende Wendland. sieht endlich Licht am Ende des Klimatunnels, seit der Sachverst\u00e4ndigenrat Grenzen und Gen\u00fcgsamkeit statt gr\u00fcnem Wachstum einfordert: Suffizienz ist f\u00fcr eine Stabilisierung der Erde unerl\u00e4\u00dflich. Ein Meilenstein in der Klimadiskussion, f\u00fcr mich sogar eine Revolution: Der Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Umweltfragen der Bundesregierung hat im M\u00e4rz 2024 das \u0084Diskussionspapier Suffizienz als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1733","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zero-wendland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1733","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zero-wendland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/zero-wendland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zero-wendland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zero-wendland.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1733"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/zero-wendland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1733\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1736,"href":"https:\/\/zero-wendland.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1733\/revisions\/1736"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zero-wendland.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1733"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}