{"id":2313,"date":"2025-04-29T12:27:28","date_gmt":"2025-04-29T10:27:28","guid":{"rendered":"https:\/\/zero-wendland.de\/?page_id=2313"},"modified":"2025-04-29T12:28:02","modified_gmt":"2025-04-29T10:28:02","slug":"der-mit-dem-bock-tanzt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/zero-wendland.de\/?page_id=2313","title":{"rendered":"Der mit dem Bock tanzt"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"358\" src=\"https:\/\/zero-wendland.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Bocktanz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2314\" srcset=\"https:\/\/zero-wendland.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Bocktanz.jpg 800w, https:\/\/zero-wendland.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Bocktanz-300x134.jpg 300w, https:\/\/zero-wendland.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Bocktanz-768x344.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Sabine Hen\u00dfen sprach mit Giselher K\u00fchn, der seit 40 Jahren von und mit Schafen lebt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jungenhaft wirkt er, hat aufgegeben, die Locken zu b\u00e4ndigen, die fallen in die Stirn, den St.-Pauli-Pullover tr\u00e4gt er wie eine zweite Haut, niemand ahnt beim ersten H\u00e4ndedruck: Der Typ hat die 60 bereits \u00fcberschritten. Fragt man ihn nach seinem Beruf, antwortet er: \u0084Im Grunde ist mein Nebenjob Milchschafbauer, im Hauptjob k\u00fcmmere ich mich um meinen Vater.\u0093 Giselher K\u00fchn, von allen Gisi genannt, echter Wendl\u00e4nder, in Ganse aufgewachsen, 62 Jahre alt, in Diahren lebend, ist gelernter Landwirt und pflegt das Understatement nicht aus Eitelkeit, sondern aus \u00dcberzeugung. Er ist keiner, der nach Komplimenten fischt. Der Vater, ehemaliger Realschullehrer, lebt im Nachbarort und ist auf seinen Sohn und einen Rollator angewiesen \u0096 er feierte im Januar seinen Hundertsten. Gute Gene also bei den K\u00fchns.<br>Zu seiner Herde kam Giselher K\u00fchn eher zuf\u00e4llig: Ende der 80er \u00fcbernahm er die 39 ostfriesischen Milchschafe von seinem damaligen Kompagnon. Schnell wurde klar: Goldesel sind sie nicht, die Schafe, das gro\u00dfe Geld steckt nicht drin in der Yoghurt- und K\u00e4se-Produktion.  &#8222;Darum hat mir mein damaliger Partner die Herde auch \u00fcbertragen. Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen, er war \u00f6konomisch orientiert, mir war von Anfang an meine Lebensqualit\u00e4t wichtiger.&#8220;<br>Und genau die scheinen sie zu bieten, die heute nur noch 18 sanften, hornlosen Wollkn\u00e4uel, die eilen, schlendern, stapfen, sobald Gisi pfeift, jedes nach seiner Fa\u00e7on, jedes nach seinem Charakter. Alfons, der einzige Bock, schmust gern, ist zutraulich, doch unter all der Wolle l\u00e4sst sich sein ausgepr\u00e4gtes R\u00fcckgrat ertasten.<br>\u0084&#8220;Er kann auch anders&#8220;\u0093, sagt Giselher. Und der Halter selbst? Ohnehin entspannt, werden seine Z\u00fcge noch weicher neben seinen Mitarbeiterinnen, er kniet sich hin und ist auf Augenh\u00f6he. Er wirkt, als tr\u00fcge er seine Lokken vor allem aus Sympathie zu seinen Tieren.<br>&#8222;Habe viel Gl\u00fcck gehabt, war zur richtigen Zeit am richtigen Platz&#8220;\u0093, sagt er, als w\u00e4re es ihm ein wenig unangenehm. Gl\u00fcck? \u0084&#8220;Ich war gerade in Diahren angekommen, ging abends auf das Sommerfest auf dem Dorfplatz mit meinen Schafbratw\u00fcrstchen \u0096 und hatte am sp\u00e4ten Abend all mein Gr\u00fcnland zusammengepachtet!&#8220;\u0093 F\u00fcr einen gelungenen Start wichtig, denn: \u0084&#8220;Ich war ein Bauer ohne Hof und ohne Land&#8220;\u0093, schildert er die Anf\u00e4nge.<br>Er bezog einen schwer in die Jahre gekommenen Hof \u0096 ein Hufeisen Geviert ohne Grund. Dort lebte Mine, 1906 geboren, ehemalige Magd und mit lebenslangem Wohnrecht ausgestattet. Zu Anfang eine Zweck-WG.  &#8222;Doch Mine war froh, dass sich wieder etwas tat auf dem Hof, dass Leben einzog und Tiere.&#8220;\u0093 Und Mine wurde wieder gebraucht. Den Hof setzte er mit Hilfe eines Freundes nach und nach wieder in Stand. Aus einer Durchfahrtsscheune wurde der Winterstall, eine K\u00e4sek\u00fcche, gefliest vom Boden bis zur Decke, wurde eingerichtet. \u0084&#8220;Die Schafe, die Schafmilch, waren mein Einkommen.&#8220;\u0093 Und sind es bis heute. Nur, dass zu den herk\u00f6mmlichen Schafmilchprodukten etwas hinzukam, das auch wieder auf einen gl\u00fccklichen Zufall fu\u00dfte: Lik\u00f6r! \u0084&#8220;Eine Nachbarin mit kleiner Milchschafherde stellte ihn her, und wir kamen ins Gespr\u00e4ch.&#8220;\u0093 Zuerst wegen der Schafe, dann wegen des 15-prozentigen Stoffs. Sie wollte aussteigen aus der Lik\u00f6rproduktion, er einsteigen, man wurde sich handelseinig, das Geheimrezept tauschte f\u00fcr 150 Mark die Besitzer. &#8222;\u0084Ich wollte einen neuen Namen, er sollte an die Region erinnern. Gemeinsam mit einem Freund, der sich um die Marketingschiene k\u00fcmmerte, entstand White Wendish\u0092\u0093.&#8220;<br>Heute ist der Lik\u00f6r allseits bekannt und ein Renner, war aber anfangs kein Selbstg\u00e4nger. &#8222;Unser erster Einsatz auf dem L\u00fcchower Stadtfest: ein totaler Flop! Wir hielten ein selbstgemaltes Bild hoch mit der Aufschrift: Schafsmilch-Lik\u00f6r. Die Leute drehten sich angewidert weg.&#8220;\u0093 Schaf und Lik\u00f6r? Unvorstellbar! Er schmunzelt, l\u00e4chelt \u00fcber seine ersten Schritte,  White Wendish unters Volk zu bringen, und \u00fcber sich selbst. \u0084&#8220;Beim n\u00e4chsten Stadtfest gingen wir anders vor: Tabletts mit gut gef\u00fcllten Schnapsgl\u00e4sern gingen rum, die Leute waren begeistert und kauften flaschenweise.\u0093&#8220;<br>Heute beliefert Giselher K\u00fchn Naturkostl\u00e4den, versendet deutschlandweit, hat sogar einen Abnehmer in Helsinki und mit einem Spirituosenladen in L\u00fcchow eine Kooperation. &#8222;\u0084Ich mache zwar noch K\u00e4se, aber mein Einkommen sichert der Lik\u00f6r.&#8220;\u0093 Die Herstellung ist allerdings aufw\u00e4ndig. Es wird zentrifugiert, pasteurisiert, f\u00fcr 50 Flaschen geht ein kompletter Arbeitstag f\u00fcr die Produktion drauf. K\u00e4se zu machen, nimmt weniger Zeit in Anspruch, auch wenn er zwei Sorten davon herstellt. Einen in Gl\u00e4ser abgef\u00fcllten Streichk\u00e4se mit Thymian-Oliven-Haube. \u0084&#8220;Der nervt mich im Moment, das Stopfen der Gl\u00e4ser. Eine Arbeit f\u00fcr jemanden, der Vater und Mutter erschlagen hat.&#8220;\u0093 Klagt er jetzt das erste Mal? Ich frage nach Hilfsmittel zum Stopfen. Er will den K\u00e4se genau so ausliefern, also muss es manchmal umst\u00e4ndlich sein. Wichtig ist ihm, dass es authentisch bleibt. Dass die Produkte, die Produktionsweise, die Lebensweise eine Einheit bilden. Qualit\u00e4t steht ganz oben auf der Liste. Das gilt f\u00fcr alle Lebewesen auf dem Hof. Und es gibt ja auch noch die zweite K\u00e4sesorte: schnittfest, \u00e4hnlich dem Feta, wird portionsweise vakuumiert, ist weniger Aufwand.<\/p>\n\n\n\n<p>Verarbeitet werden pro Tag etwa zweieinhalb Liter Milch, von Mai bis September, so lange wird gemolken. Die ersten Liter bekommen ausschlie\u00dflich die L\u00e4mmer, die ab April das Licht der Welt erblicken. Nach der Trennung von Lamm und Mutterschaf, nach vier Wochen etwa, erklimmen die Schafe morgens den Melkstand, und die Melkmaschine wird angesetzt. &#8222;\u0084Seit 40 Jahren stopfe ich K\u00e4se&#8220;\u0093, sagt Giselher K\u00fchn. So war es, so ist es, und es ist gut so. Sein Lebensmotto? Er f\u00fchrt die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich B\u00f6ll an. Die zeitlose Fabel des Nobelpreistr\u00e4gers \u00fcber einen gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Touristen, der im Gespr\u00e4ch mit einem Fischer den K\u00fcrzeren zieht und einsieht, dass man auch ohne Karriere zufrieden und gl\u00fccklich sein kann: Er k\u00f6nnte so reich werden, dass er nicht mehr arbeiten br\u00e4uchte und in der Sonne d\u00f6sen &#8211; aber das macht er doch jetzt schon!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sabine Hen\u00dfen sprach mit Giselher K\u00fchn, der seit 40 Jahren von und mit Schafen lebt. 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