Umgekehrt!

Katharina Körting ist beeindruckt von Alice Weidels komödiantischen Fähigkeiten.

Man müsse die AfD politisch bekämpfen, hat der Bundeskanzler vernünftigerweise erkannt, man müsse sie inhaltlich stellen. Nur: Wie macht man das, wenn deren Aussagen bar jeden Inhalts und fern von Vernunft oder politischem Gehalt sind?
Neulich im Bundestag beweist AfD-Chefin Alice Weidel eindrucksvoll, daß sie nunmehr nicht nur das dramatische, sondern auch das komödiantische Fach beherrscht – ohne das derweil selbst zu bemerken. Ihr Schmierentheater wirkt, als sei sie dem weißen Kaninchen zu tief
in den Bau gefolgt: Sie sieht bei anderen mangelnde Ernsthaftigkeit, behauptet, die andere Seite sei rationalen Argumenten nicht zugänglich,
während sie selbst die absurdesten Dinge von sich gibt. Manchmal heben sich ihre donnergrollenden Augenlider, manchmal zucken ihre verächtlichen Mundwinkel, scheinen feixen zu wollen wie die Grinsekatze im Wunderland, doch die AfD-Frau ist ein Muster an Selbstbeherrschung: Ihr Gesichtsausdruck bleibt herrenreiterisch ernst.
„“Sie können Deutschland nicht gut regieren““, hält sie der Ampel vor, „“und Sie wollen es nicht““. Mit der üblichen, seltsam beleidigten Apokalyptik in der Stimme dröhnt es: „“Sie richten es zugrunde, und ich weiß auch, warum …“ …“ – Kunstpause „weil Sie Ihr eigenes Land, weil Sie Deutschland hassen!“ Das h von „hassen“ holt sie tief aus dem Bauch, es klingt fast wie ein „ch“, als wäre das h allein zu hauchig schwach. Und das ist dann auch der Satz, der in den Nachrichten und den asozialen Medien verbreitet wird, zumal sie ihn zur Sicherheit verstärkend wiederholt: „“Diese Regierung ch-asst Deutschland.“ Man ist überrumpelt, lacht verblüfft auf das kann sie doch nicht ernst meinen?
Und deshalb fällt einem wenig ein, wie einem inhaltlich so völlig aus der Luft gegriffenen und sich rationalen Argumenten entziehenden Vorwurf zu begegnen wäre. Denn was soll das heißen? Wie kann man etwas so Abstraktes wie ein Land hassen? Oder eine Partei? Auf den Demokratie-Demos wird gern der Haß auf die AfD skandiert, aber das wirkt jedes Mal tückisch unlogisch. „“Ich liebe keine Staaten““, hatte Bundespräsident Gustav Heinemann auf die Frage, ob er Deutschland liebe, einst geantwortet, „„ich liebe nur meine Frau““.
Auch ihm hätte Weidel wohl mindestens fehlende Vaterlandsliebe vorgeworfen, doch tatsächlich ist es – wie stets in der AfD-Rhetorik –
umgekehrt. Nicht die Regierung nimmt den Deutschen die Heimat weg – die AfD ist es, die sie zerstören will. Nicht die AfD ist Opfer von Hetze, sondern deren Politiker hetzen. Nicht die demokratische Regierung haßt Deutschland, sondern die AfD verbreitet in grandioser, auch selbstzerstörerischer Unvernunft Haß auf das demokratische Deutschland.
Gefühle wirken stärker als Vernunft, der hölzerne Kanzlersprech kommt kaum dagegen an, und Haß ist eines der stärksten Gefühle. Wie läßt sich Haß politisch bekämpfen? Mit Liebe?